
"Die Natur ist die beste Apotheke."
Sebastian Kneipp hielt seine berühmte Aussage über die Heilkraft der Natur sehr schlicht und prägnant.
Viele bekannte Persönlichkeiten der Pflanzenkunde teilten offenkundig diese Meinung, denn die Geschichte der Heilpflanzen und deren Bedeutung für die Heilkunde reichen weit zurück bis tausende Jahre vor Christus. Zum Teil fanden und finden auch tierische Arzneien Anwendung in der Heilkunde. Im Vergleich zu pflanzlichen Heilmittel sind sie zahlenmäßige jedoch eher untergeordnet. Schlangengifte, Bienengift und Lebertran sind bekannte Beispiele (Frohne, 2006). Viele althergebrachte tierische Präparate, sowohl in der chinesischen als auch in der westlichen Medizin, gehören ins Reich der Mythen, wie z.B. der Gallensaft der Mondbären (Asiatische Schwarzbären), Tigerknochen und Knochen sowie Blut der europäischen Steinböcke. Der Aberglaube über deren Heilkraft ist neben anderen Umständen für die Ausrottung und für eine geringe Individuenzahl vieler Spezies mit verantwortlich.
Mit Hilfe moderner biotechnologischer Verfahren können Arzneimittel auf tierschonende Weise produziert werden und sind zudem auch besser verträglich. Ein gängiges Verfahren ist beispielsweise die Herstellung von Insulin mit Hilfe ausgewählter Mikroorganismen, die die Verwendung von Schweinepankreas obsolet gemacht haben.
Der Vollständigkeit halber seien noch die Mineralia, wie Glaubersalz oder Bittersalz erwähnt, die ehemals als Therapeutika eingesetzt wurden. Auch Schwermetalle wurden aus naheliegenden Gründen weitgehend aus der pharmazeutischen Produktion verbannt (Frohne, 2006).
Aufschwung erleben heute Mineralien als Nahrungsergänzungen und in der Orthomolekularen Medizin (Mikronährstoffe als Therapeutika), ebenso wie Heilpilze in Pulverform und als Extrakte.
Was die Geschichte des Kräuterwissens anbelangt: zu weit ausholen wollte ich hier eigentlich nicht, aber die historischen Daten zur Pflanzenheilkunde sind schon recht beachtlich: bereits 3700 v. Chr. hat der chinesische Kaiser Shin-Nong in seinem Werk über 200 Pflanzen beschrieben.
Etwas mehr als 2 000 Jahre später entstand in Ägypten eine umfassende Rezeptesammlung aus etwa 700 Arzneimitteln (Hartl, 2008).
Mit Hippokrates von Kos und Theophrast von Eresos seien nur zwei große Namen der griechischen Antike genannt. Für Hippokrates, dem Begründer der wissenschaftlichen Heilkunde waren Heil- und Nahrungsmittel sehr eng miteinander verknüpft. Man erinnere sich an das Zitat: "Eure Nahrungsmittel sollen Heilmittel und eure Heilmittel Nahrungsmittel sein", das auf den Wert einer gesunden Ernährung abzielt (Hartl, 2008).
Theophrast erschuf mit der "Historia plantanarum" und der "Causa plantanarum" ein umfassendes Gesamtwerk über Pflanzen (Hartl, 2008).
Galen, Grieche aus Pergamon (129 – 199 n.Chr.) und Leibarzt von Kaiser Marc Aurel ist ein weiterer Vertreter der Heilkundigen. Sein Name ist noch heute im Begriff "Galenika" verankert – eine Bezeichnung für rein pflanzliche Arzneien. Als Galenik wird demnach die Art der Zubereitung dieser Heilmittel bezeichnet. Er war neben Hippokrates sicherlich der einflussreichste Heilkundige der Antike. Zu Beginn seiner Laufbahn wurde er als Gladiatorenarzt bekannt und war bald darüber hinaus weithin gefragt. Später, unter Kaiser Marc Aurel, verlegte Galen sein Wirken nach Rom (Hartl, 2008; Olesko, 2004).
Das enorme Wissen über die Heilkraft der Pflanzen verbreitete sich über Griechenland nach Italien bis in den Nahen Osten. In der Nähe von Buchara, im heutigen Usbekistan, kam Abu Ali Ibn Abdillah Ibn Sina, kurz Avicenna, zur Welt. Er studierte dort Mathematik, Physik und Medizin und gilt bis heute als einer der bedeutendsten Gelehrten der islamischen Welt. Als Wanderarzt führte er ein bewegtes Leben und wirkte in dieser Zeit an verschieden persischen aristokratischen Höfen. Seine Werke wurden ins Lateinische übersetzt und fanden so ihren Weg auch in die westliche Welt und in die christliche Klostermedizin (Olesko, 2004).
Im Mittelalter und der Neuzeit kultivierten beispielsweise Karl der Große, Hildegard Bingen und Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt unter dem Namen Paracelsus, die Kunst der Pflanzenheilkunde (Hartl, 2008).
Zu Beginn des 19. Jh. als die chemische Industrie begann neuartige synthetischen Wirkstoffe herzustellen, schien die Pflanzheilkunde in den Hintergrund zu treten. Zunächst wurden aus Pflanzen gewonnene Substanzen zum Teil isoliert und verändert um effizientere Heilmittel anzubieten. Ein bekanntes Beispiel ist die Acetylsalicylsäure, ursprünglich aus der Weidenrinde gewonnen. Später wurden vollsynthetische Wirkstoffe bereitgestellt um diverse Krankheiten zu bekämpfen. In den USA beispielsweise wurden die pflanzlichen Heilmittel völlig aus den offiziellen Arzneibüchern verdrängt. Erst die Contergan-Tragödie der 1950er Jahre bewirkte wieder eine deutliche Wende hin zu den Heilpflanzen. Ein neu überarbeitetes Arzneimittelgesetz, das heute im Übrigen auch pflanzliche Arzneien einschließt, war eine weitere notwendige Konsequenz dieser Katastrophe (Frohne, 2006).
Die moderne Phytotherapie ist naturwissenschaftlich orientiert und kann einer fachlichen Prüfung und Forschung standhalten. Die Besonderheit einer Heilpflanze liegt allerdings nicht in einem einzigen Wirkstoff begründet, sondern im charakteristischen biochemischen Wirkstoffkomplex, der in Summe eine Pflanze zur Heilpflanze macht. Diese Wirkstoffe können nach Frohne (2006) grob unterschieden werden in Hauptwirkstoffe, z.B. Morphin und in weitere Inhaltstoffe, die die Wirkung modifizieren. Nichtsdestotrotz handelt es sich um Produkte die natürlichen Schwankungen unterliegen können. Anbau, Standort und Verarbeitung können die Zusammensetzung beeinflussen.
Eine kleine Ellbogenspitze an dieser Stelle kann ich mir nicht verkneifen: weil unter den FuttermittelherstellerInnen tatsächlich auch solche existieren, die meinen es gäbe kaum jemanden – besides themselves – der/die wüsste, was es mit den viel zitierten sekundären Pflanzenstoffen auf sich hätte - man höre und staune, nicht einmal PharmazeutInnen (oder BiologInnen :-D) wären im Bilde – sei hier dieser Begriff sicherheitshalber vereinfacht erläutert: sekundäre Pflanzenstoffe sind biochemische Verbindungen, die die Pflanze selbst synthetisieren kann und die nicht primär dem Energiestoffwechsel unterliegen und dem unmittelbaren Überleben aller Zellen einer Pflanze dienen. Allen voran die Fotosynthese (Primärstoffwechsel)
Im Zuge des Sekundärstoffwechsels werden diese biochemische Stoffe in dafür spezialisierten Zellen gebildet, die beispielsweise eine Aufgabe als Blütenfarbstoffe, Frassschutz oder als Schutz vor übermäßiger UV-Strahlung erfüllen. Wir schätzen eine Vielzahl der sekundären Pflanzenstoffe als Wirkkomponenten einer Heilpflanze, wie z.B. Phenole, ätherische Öle, Saponine u.v.m. Manchmal überschneiden sich die Stoffwechselwege sogar und Substanzen können rückgewonnen werden … aber das führt zu weit…
Über 300 Heilpflanzen sind in sogenannten Aufbereitungsmonografien beschrieben, etwa 20% der überprüften Pflanzen wurden mit Negativmonografien bewertet. Das bedeutet, dass die Wirkung entweder nicht belegt werden konnte oder sogar bedenkliche Nebenwirkungen festgestellt wurden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass pflanzliche Arzneimittel einer Prüfung unterzogen werden müssen, es dafür Arbeitsgruppen und gesetzliche Vorgaben gibt, hier aber noch einiges an Forschung betrieben werden muss, wenn die pflanzlichen Arzneimittel in eine evidenzbasierten Medizin integriert werden sollen (Frohne, 2006). Für mich bleibt die Frage, ob das wirklich in jedem Fall notwendig ist oder ob eine auf Erfahrung basierte Medizin auch in heutiger Zeit in Teilen noch ihre Berechtigung haben darf?
In unserer Zeit gibt es eine Vielzahl von Büchern über die Phytotherapie (griech. phyton: Pflanze, pflanzlich) und wissenschaftliche Studien, die die Heilkraft der Pflanzen belegen und deren biochemische Wirkstoffe analysieren. Die TEM, die Traditionelle Europäische Medizin, greift das zum Teil alte Wissen auf und ergänzt es mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, denn korrekterweise ist zu erwähnen, dass so manche vermeintliche Heilpflanze aus der Volksheilkunde heute obsolet geworden ist, da ihre Wirkung, wie oben erwähnt, einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten konnte oder sogar Substanzen enthält, die der Gesundheit eher abträglich sind, wie es etwa beim Wurmfarn der Fall ist.
Grundsätzlich erweisen sich Arzneipflanzen als recht sicher im Gebrauch, einige wirksame Pflanzen bedürfen jedoch einer achtsamen Anwendung. Diese gehören ausschließlich in die Hände von Medizinern und Pharmakologen. Als einleuchtendes Beispiel nenne ich an dieser Stelle gerne Digitalis purpurea, den Roten Fingerhut – eine Heil- und sehr starke Giftpflanze gleichermaßen, die in herzwirksamen Medikamenten zur Anwendung kommt. So verhält es sich aber auch mit einer Reihe weiterer Pflanzen, In weniger dramatischer Form z.B. der Bärentraube. Sie wird gerne als Arznei gegen Harnwegsinfektionen empfohlen. Einer ihrer Wirkstoffe, das Hydrochinon, gilt jedoch bei zu langer oder zu häufiger Anwendung als möglicherweise krebserzeugend (Frohne, 2006).
Für unseren Gebrauch in der Haus- und Stallapotheke gibt es eine Reihe nützlicher und erprobter Pflanzen, die unkomplizierte Beschwerden effizient lindern und medizinische Behandlungen nach Absprache mit dem/der Human- oder VeterinärmedizinerIn unterstützen können. Zu beachten ist ausdrücklich, dass die Beschreibungen, der in diesem Blog erwähnten Pflanzen, keine ärztliche Konsultation ersetzen, sondern lediglich informativen Charakter aufweisen!!! Die Autorin erhebt keinen Anspruch auf die Vollständigkeit dieser Informationen!
KI-frei!!!
Referenzen
HARTL H. (2008) . Skriptum VO Heilpflanzen. Universität Salzburg
FROHNE D. (2006). Heilpflanzenlexikon. Ein Leitfaden auf wissenschaftlicher Grundlage. (8.Auflage). Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart.
OLESKO B. (2004). Die Kraft der Pflanzen. Geschichte und Verwendung pflanzlicher Heilmittel in der Traditionellen Europäischen Medizin. (3. Auflage). Verlag für Traditionelle Europäische Medizin.